Ende der Salamitaktik

Ressorts: Wirtschaft, Politik, Hafen, IBA/IGS — Volker Krause am Freitag, 03. Februar 2006 um 05:00 Uhr

Rund dreihundert Menschen, in der Mehrzahl Wilhelmsburger, fanden sich gestern Abend zum „großen Ratschlag“ im Saal des Bürgerhauses Wilhelmsburg ein, um angesichts der aktuellen Bebauungspläne des Senats die Perspektiven der Elbinseln zu diskutieren.

Zu der Einwohnerversammlung eingeladen hatte der Verein Zukunft Elbinsel; die Moderation der Veranstaltung übernahmen Liesel Amelingmeyer und Manuel Humburg. Neben den im Programm vorgesehenen Rednern kamen auch viele Gäste aus dem Publikum zu Wort. Diskutiert wurden aktuelle Themen wie etwa der geplante Bau der Hafenquerspange und potentielle Umweltbelastungen durch den Bau weiterer Kraftwerke. Mehrfach wurde dabei ein „Ende der Salamitaktik“, also ein Ende des Taktierens seitens des Senats und der Hamburger Behörden, gefordert. Der Unmut der Einwohner äußerte sich auch in Form des vielfach geäußerten Wunsches nach Demonstrationen.

„Was kommt wirklich auf uns zu?“ Diese Frage schwebte während der zweieinhalbstündigen Sitzung permanent im Raum. Die Wilhelmsburger verlangten in ihren Wortbeiträgen deutlich mehr Sicherheit und Klarheit für die kommenden Jahre und Jahrzehnte: „Die Leute leben hier gerne, aber sie wollen wissen, was in Zukunft passiert“, so etwa Günter Glatz. In der Hoffnung, klarere Aussagen und mehr Planungssicherheit zu erhalten, soll u.a. Ole von Beust zu einer der kommenden Bürgerversammlungen eingeladen werden.

Im Folgenden einige Wortbeiträge im Einzelnen:

Günter Glatz warnte: Durch weitere Industrieansiedlungen würde es in den kommenden Jahren „immer enger werden“ für die Wilhelmsburger. Er übte u.a. Kritik am geplanten Obergeorgswerder Kraftwerk der Norddeutschen Affinerie.

Jörg von Prondzinski befürchtet wie Glatz einen starken „Flächenfraß“ in den Wilhelmsburger Erholungsgebieten und betonte die Wichtigkeit von Naturlandschaften landwirtschaftlicher Art. Er warnte vor Zersiedelung und vertrat in diesem Zusammenhang die Auffassung, dass bereits die neue Solarsiedlung in Kirchdorf ein „Flop“ sei, da dort noch immer viel Wohnraum leerstehe.

Bernhard Kaufmann bemängelte, dass viele Gewerbegebiete am Reiherstieg als Industriegebiete deklariert sind. Diese Zuordnung seitens des Senats bzw. der Port Authority bestehe aus taktischen Gründen: die Flächen würden offiziell Industrie- bzw. Hafengebiete bleiben, damit sie für Tauschgeschäfte bzw. Standortverschiebungen zu Lasten des Reiherstiegs zur Verfügung stünden, so Kaufmann. Er warnte davor, dass der „Sprung über die Elbe“ nicht nur punktuelle Verbesserungen mit sich bringen dürfe, die mit großen Belastungen für die Wohngebiete einhergingen.

Mathias Bölckow erläuterte die Relevanz der Niedernfelder Durchfahrt, die eventuell zugeschüttet werden soll. Eine Zuschüttung des Wasserkreuzes hätte erhebliche Nachteile für den Hamburger Tourismus sowie für Gewerbetreibende, die in Zukunft den Spreehafen nutzen müssten. Mit der geplanten Zuschüttung habe sich der Hamburger Senat „vom Sprung über die Elbe verabschiedet“, so Bölkow.

Claudia Roszak zeigte auf, dass innerhalb der letzten ein bis zwei Jahre die Stimmung in Wilhelmsburg gekippt sei. Nach anfänglicher Hoffnung und vielen Zusagen zwischen 2000 und 2003 sei das Vertrauen in die Politik inzwischen verloren gegangen. Die Zukunftskonferenz sei mit viel Lob überschüttet worden – aber jetzt, Jahre später, sei noch nicht einmal der Zollzaun am Spreehafen entfernt worden.

Manuel Humburg fragte, ob die kommenden Veränderungen eine "Jahrhundertchance oder den Ausverkauf von Wilhelmsburg" bedeuteten. Den ihm in der Fernsehsendung "Schalthoff live" entgegengebrachten Vergleich von Lombards- und Kennedybrücke mit der in Wilhelmsburg geplanten Hafenquerspange nannte er eine „unseriöse Verniedlichung“. Humburg rief einmal mehr zu einer „Internationalen Planungskonferenz“ für das Jahr 2007 auf, um die Probleme zu lösen, die in Wilhelmsburg für immer mehr Unmut sorgen.

Volker Krause

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