Wilhelmsburg: Ein Wohnort mit Zukunft?

Ressorts: Vermischtes, Soziales, Politik, IBA/IGS — Manuel Humburg am Dienstag, 07. Februar 2006 um 05:22 Uhr

Oder: Wie der Senat den „Sprung über die Elbe“ an der Autobahn-Querstange verstolpert

Im Grunde war es immer wieder diese Frage, die die Teilnehmenden der großen Einwohnerversammlung am 2.2. im Bürgerhaus beschäftigte: hat unsere Elbinsel als Wohnort eine Zukunft? Eigentlich sollte es beim "Sprung über die Elbe" genau darum gehen. Die Nachrichten der letzten Monate geben leider Anlass zur Sorge. Um die aktuellen Gefährdungen, frühere Kämpfe um die Elbinsel als Wohnort und die Forderungen der Einwohnerversammlung an den Senat geht es in dem folgenden Artikel.

Die Geschichte Wilhelmsburgs ist die Geschichte einer immerwährenden Auseinandersetzung um die Elbinsel als WOHNORT.

Vor Jahrhunderten den Fluten der Elbe nach und nach als Wohnpolder abgetrotzt, wurde das Wohnen mit der Expansion von Industrie und Hafen in den Osten der Insel verdrängt. Nach der Einverleibung durch Hamburg am 1.4.1937 wurde die Insel als ein Ort zum Wohnen insgesamt in Frage gestellt („Der Hamburger wohnt auf der Geest und arbeitet in der Marsch“). Die todbringende Flut von 1962 und der anschließende Plan des Senats, das Reiherstiegviertel als Wohnort zu räumen und der Hafenerweiterung zu opfern, vertrieb die Mehrzahl der einheimischen Bevölkerung. Der Missbrauch der Insel als Müllhalde Hamburgs (Müllberg in Georgswerder) und seine Zerschneidung und Verlärmung durch Verkehrstrassen stellte ihre Eignung als qualitativ hochwertigen Ort zum Wohnen zusätzlich in Frage.

Deshalb war es kein Wunder als die Bevölkerung aufschrie, als eine Güterumgehungsbahn geplant wurde (1974). Weiteren wütenden Protest gab es, als sich Hamburgs Müll als dioxin-verseucht erweist (1984), und der Senat 1994 den Bau einer Müllverbrennungsanlage ankündigt. In jahrelangen Kämpfen, mit guten Argumenten und mit Aktionen bürgerlichen Ungehorsams (z.B. 1994 die gleichzeitige Blockierung aller 7 Elbbrücken), gelingt der Bevölkerung jedes Mal eine Verteidigung ihres Wohnortes und zugleich die Durchsetzung vernünftiger Lösungen, die auch die Interessen der Gesamtstadt berücksichtigen. Die WilhelmsburgerInnen haben sich stets durch einen kritischen, aber auch konstruktiven Dialog ausgezeichnet. Eine St. Florianspolitik wird man auf den Elbinseln vergeblich suchen.

Mit dem Programm zum „Sprung über Elbe“ weckt Hamburg seit 2003 Hoffnungen auf eine neue Funktionsbestimmung der Großen Insel im Herzen der Stadt: Mit der Entdeckung der Ufer, Wohnen am Wasser, mit einer Gartenschau und einer internationalen Bauausstellung sollte die Insel als Wohnort aufgewertet und langfristig gesichert werden.

Leider geben die Nachrichten der letzten Monate Anlass zu Ernüchterung und Sorge. Es zeigt sich jetzt, dass das alte Denken in Teilen der Hamburger Wirtschaft und Politik noch vorhanden ist. So wird im Grünen Osten der Insel ein riesiges Industriegebiet (Obergeorgswerder) und im Westen am Reiherstieg eine „Perlenkette der Logistik“ geplant. Im Norden droht eine Müllverbrennungsanlage (Norddeutsche Affinerie) und im Südwesten ein Steinkohlekraftwerk (Süderelbe). Das Fass zum Überlaufen bringt die aktuelle Entscheidung des Senats zum beschleunigten Bau einer weiteren Autobahn quer über die Insel. Die über 50 Jahre alten Pläne werden verharmlosend „Hafenquerspange“ genannt. Es handelt sich dabei aber nicht um eine „Ortsumgehung“, weit außerhalb der Stadt in unbewohntem Hafengebiet. Im Gegenteil: In Hochlage quer über dem Spreehafen, verliefe sie gerade 200 Meter vor den frisch sanierten Wohngebieten im westlichen Wilhelmsburg und mündete nach Abriss eines Wohnblocks in einem riesigen Autobahnkreuz inmitten der Landschaftsachse Dove Elbe in die Wilhelmsburger Reichsstraße. Die neue Autobahn im Herzen der Stadt hätte eine Trennwirkung ähnlich der Ost-West Straße auf der anderen Elbseite. Die Hafenquerspange würde den Süden in einen erneuten Dornröschenschlaf versetzen und eine dramatische Wertminderung des Wohnortes Elbinsel herbeiführen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der BewohnerInnen in Wilhelmsburg und der Veddel. Sollen ihre Hoffnungen auf positive und sichere Perspektiven für Wohnen, Leben und Arbeiten auf ihrer Elbinsel gleich wieder zunichte gemacht werden? Und eine herbe Enttäuschung für Planer und Investoren, die den „Sprung über die Elbe“ vor allem als qualitätsvolle Stadtentwicklung verstanden haben.
Besonders ärgerlich finde ich, dass weder die konkreten Lösungsvorschläge der Zukunftskonferenz Wilhelmsburg (nachzulesen im „Weissbuch“ – unter www.insel-im-fluss.de ) berücksichtigt werden, noch die Arbeitsergebnisse von Planern aus aller Welt bei der internationalen Entwurfswerkstatt zum „Sprung über die Elbe“ im Jahre 2003. Nahezu alle Experten hatten sich dabei gegen die derzeit favorisierte Trasse der Hafenquerspange ausgesprochen. Stattdessen wurden stadtverträgliche Lösungen angemahnt, oder sogar der Verzicht auf die Autobahn gefordert.

Es ist wieder an der Zeit, auch diesem Hamburger Senat nachdrücklich auf die Sprünge zu helfen. Der zentrale Vorschlag auf der Einwohnerversammlung scheint mir dazu ein geeigneter Hebel zu sein: eine „Internationale Planungskonferenz“ zum Thema „Güterumschlag, Transport und Verkehr im Herzen der Hafenstadt“ im Jahre 2007, mit der Maßgabe, zukunftsfähige und stadtverträgliche Alternativen zur „Hafenquerspange“ zu erarbeiten. Es wird sich zeigen, ob der jetzige Senat die Kraft hat, seine verheerende Fehlentscheidung zu revidieren und vernünftige Lösungen zu akzeptieren und zu seinem Bekenntnis steht, die Elbinsel als liebenswerten Ort zum Leben und Wohnen dauerhaft zu sichern.

Fotos und Berichte von der Einwohnerversammlung:
www.hafen-quer-spange.de

Manuel Humburg

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Kommentare zu dieser Nachricht:

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Kommentar von Mathias Lintl

Mittwoch, 08. Februar 2006 @ 00:11

Hallo zusammen,
gerne wird das Weissbuch der Zukunftskonferenz herangezogen, wenn Belege gesucht werden, die gegen die HQS sprechen.
Zusammen mit Frau Zahn war ich Sprecher der AG Räumlches Gesamtkonzept und auch wir haben uns natürlich mit der Problematik befasst.
Vielleicht zur Ergänzung von Manuel und zum Beleg, das die Zukunftskonferenz (bzw. einige Personen) bereits über den Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe der Realisierungsplanung hinaus dachten, hier die entsprechenden Textpassagen:

AG Räumliches Gesamtkonzept / S. 24:
5.1.3 Hafenquerspange
Von der sogenannten Hafenquerspange werden massive Auswirkungen ausgehen: Der gesamte Bereich (Veddel, Spreehafen, nord-westliches Wilhelmsburg und der Kleine Grasbrook) wird durch die verkehrsbedingten Emissionen und die Barrierewirkung der Planung entzogen. Die Möglichkeit, eine wichtige Schnittstelle zwischen Hamburg und der Elbinsel attraktiv zu entwickeln, wird komplett vergeben werden.
Es wird von der AG keine Trassenvariante favorisiert, weitere Trassenvarianten sind zu prüfen (weitere Ausführungen zu diesem Thema s. Bericht der AG 2 Verkehr).
Falls die Notwendigkeit der Hafenquerspange achgewiesen wird, sind folgende Bedingungen bei der Realisierung zu erfüllen:
- Es ist eine Trassenführung zu wählen, die die angrenzenden Stadtteile weitestgehend nicht beeinträchtigt.
- Die Ausprägung der Hafenquerspange soll in stadtgestalterisch hochwertiger Form erfolgen. Dazu zählt auch ein hochgradiger Lärmschutz, der u.a. eine Entwicklung der angrenzenden Gebiete über die Nutzung als Gewerbegebiete hinaus ermöglicht.
- Eine Barrierewirkung durch die Hafenquerspange muß vermieden werden.
- Die Darstellungen der Planungen zur Hafenquerspange sollen in einer für Laien verständlichen und nachvollziehbaren Form erfolgen (Computermodelle / Simulationen), damit die Bevölkerung sich objektiv informieren, das Projekt annehmen, aber auch Bedenken äußern kann.
- Für die Bereiche Spreehafen, Müggenburger Zollhafen und Anschlussstelle an die A 252 müssen Konzepte zur Gesamtentwicklung erstellt werden. Rein verkehrstechnische Planungen zum Verlauf der Hafenquerspange und zum Anschluss an die A 252 sind nicht ausreichend. Aktuelle planerische Überlegungen bzgl. der Neugestaltung der "Auswandererhallen" (vgl. Konzept der Handelskammer Hamburg) gilt es zu berücksichtigen.
- Die vorhandenen Wasserflächen sind zu erhalten. Insbesondere ist der ungehinderte Durchfluss zwischen Spreehafen und Müggenburger Zollhafen zu gewährleisten. Ökologische Gründe und die Bestrebungen, den Spreehafen schiffbar zu halten, sprechen dafür."

und weiter heisst es auf Seite 35 in der Schlussbetrachtung der AG:

"Logistik in einer sich dynamisierenden und globalisierenden Wirtschaft wird eine der
Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte sein. Hamburg ist auf dem Weg, sich als
nationale und internationale Güterdrehscheibe fest zu etablieren. Entlang der
Wertschöpfungskette Logistik entstehen lukrative Bereiche. Das Management von Logistik
und die angegliederten informationsbasierten Dienstleistungen gewinnen an Bedeutung und
tragen maßgeblich zur Wertschöpfung bei. Gleichzeitig gilt es, dem ungebremsten Anstieg
des motorisierten Güterverkehrs zu begegnen, da die Kapazitätsgrenzen erreicht sind und
ein Ausbau der Kapazitäten nur mit dem Verlust von Lebensqualität und extrem hohen
Kosten erkauft werden kann. Will Hamburg als Logistikdienstleister sich etablieren, müssen
Ausbildungs- und Forschungskapazitäten in diesem Sektor geschaffen werden. Aufgrund
seiner Lage bietet sich hierfür Wilhelmsburg an. Die Ansiedlung eines Logistikkompetenz-
und Bildungszentrums wäre ein erster Schritt, weitere Entwicklungen zu initialisieren
(Gewerbeneuansiedlungen, hochwertige Ausbildungsstellen)."

Wir sehen: Die AG stellt sich nicht gegen den Fakt, das die Elbinsel Güterdrehscheibe ist, sondern leitet daraus die logische Forderung ab, das hier der Standort für Innovation (sowohl im Bereich der Forschung, Erprobung, Fertigung und Einsatz) sein muß.

All dies wurde geschrieben vor ziemlich genau vier Jahren. Wenn nun der Ruf nach einer internationaler Planerkonferenz laut wird, so fragt man sich schon ein wenig, wo die jetzt so laut Rufenden in den letzten Jahren waren.
Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät.
abendlicher Gruss
Mathias

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