Wilhelmsburg: Ein Wohnort mit Zukunft?
Oder: Wie der Senat den „Sprung über die Elbe“ an der Autobahn-Querstange verstolpert
Im Grunde war es immer wieder diese Frage, die die Teilnehmenden der großen Einwohnerversammlung am 2.2. im Bürgerhaus beschäftigte: hat unsere Elbinsel als Wohnort eine Zukunft? Eigentlich sollte es beim "Sprung über die Elbe" genau darum gehen. Die Nachrichten der letzten Monate geben leider Anlass zur Sorge. Um die aktuellen Gefährdungen, frühere Kämpfe um die Elbinsel als Wohnort und die Forderungen der Einwohnerversammlung an den Senat geht es in dem folgenden Artikel.
Die Geschichte Wilhelmsburgs ist die Geschichte einer immerwährenden Auseinandersetzung um die Elbinsel als WOHNORT.
Vor Jahrhunderten den Fluten der Elbe nach und nach als Wohnpolder abgetrotzt, wurde das Wohnen mit der Expansion von Industrie und Hafen in den Osten der Insel verdrängt. Nach der Einverleibung durch Hamburg am 1.4.1937 wurde die Insel als ein Ort zum Wohnen insgesamt in Frage gestellt („Der Hamburger wohnt auf der Geest und arbeitet in der Marsch“). Die todbringende Flut von 1962 und der anschließende Plan des Senats, das Reiherstiegviertel als Wohnort zu räumen und der Hafenerweiterung zu opfern, vertrieb die Mehrzahl der einheimischen Bevölkerung. Der Missbrauch der Insel als Müllhalde Hamburgs (Müllberg in Georgswerder) und seine Zerschneidung und Verlärmung durch Verkehrstrassen stellte ihre Eignung als qualitativ hochwertigen Ort zum Wohnen zusätzlich in Frage.
Deshalb war es kein Wunder als die Bevölkerung aufschrie, als eine Güterumgehungsbahn geplant wurde (1974). Weiteren wütenden Protest gab es, als sich Hamburgs Müll als dioxin-verseucht erweist (1984), und der Senat 1994 den Bau einer Müllverbrennungsanlage ankündigt. In jahrelangen Kämpfen, mit guten Argumenten und mit Aktionen bürgerlichen Ungehorsams (z.B. 1994 die gleichzeitige Blockierung aller 7 Elbbrücken), gelingt der Bevölkerung jedes Mal eine Verteidigung ihres Wohnortes und zugleich die Durchsetzung vernünftiger Lösungen, die auch die Interessen der Gesamtstadt berücksichtigen. Die WilhelmsburgerInnen haben sich stets durch einen kritischen, aber auch konstruktiven Dialog ausgezeichnet. Eine St. Florianspolitik wird man auf den Elbinseln vergeblich suchen.
Mit dem Programm zum „Sprung über Elbe“ weckt Hamburg seit 2003 Hoffnungen auf eine neue Funktionsbestimmung der Großen Insel im Herzen der Stadt: Mit der Entdeckung der Ufer, Wohnen am Wasser, mit einer Gartenschau und einer internationalen Bauausstellung sollte die Insel als Wohnort aufgewertet und langfristig gesichert werden.
Leider geben die Nachrichten der letzten Monate Anlass zu Ernüchterung und Sorge. Es zeigt sich jetzt, dass das alte Denken in Teilen der Hamburger Wirtschaft und Politik noch vorhanden ist. So wird im Grünen Osten der Insel ein riesiges Industriegebiet (Obergeorgswerder) und im Westen am Reiherstieg eine „Perlenkette der Logistik“ geplant. Im Norden droht eine Müllverbrennungsanlage (Norddeutsche Affinerie) und im Südwesten ein Steinkohlekraftwerk (Süderelbe). Das Fass zum Überlaufen bringt die aktuelle Entscheidung des Senats zum beschleunigten Bau einer weiteren Autobahn quer über die Insel. Die über 50 Jahre alten Pläne werden verharmlosend „Hafenquerspange“ genannt. Es handelt sich dabei aber nicht um eine „Ortsumgehung“, weit außerhalb der Stadt in unbewohntem Hafengebiet. Im Gegenteil: In Hochlage quer über dem Spreehafen, verliefe sie gerade 200 Meter vor den frisch sanierten Wohngebieten im westlichen Wilhelmsburg und mündete nach Abriss eines Wohnblocks in einem riesigen Autobahnkreuz inmitten der Landschaftsachse Dove Elbe in die Wilhelmsburger Reichsstraße. Die neue Autobahn im Herzen der Stadt hätte eine Trennwirkung ähnlich der Ost-West Straße auf der anderen Elbseite. Die Hafenquerspange würde den Süden in einen erneuten Dornröschenschlaf versetzen und eine dramatische Wertminderung des Wohnortes Elbinsel herbeiführen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der BewohnerInnen in Wilhelmsburg und der Veddel. Sollen ihre Hoffnungen auf positive und sichere Perspektiven für Wohnen, Leben und Arbeiten auf ihrer Elbinsel gleich wieder zunichte gemacht werden? Und eine herbe Enttäuschung für Planer und Investoren, die den „Sprung über die Elbe“ vor allem als qualitätsvolle Stadtentwicklung verstanden haben.
Besonders ärgerlich finde ich, dass weder die konkreten Lösungsvorschläge der Zukunftskonferenz Wilhelmsburg (nachzulesen im „Weissbuch“ – unter www.insel-im-fluss.de ) berücksichtigt werden, noch die Arbeitsergebnisse von Planern aus aller Welt bei der internationalen Entwurfswerkstatt zum „Sprung über die Elbe“ im Jahre 2003. Nahezu alle Experten hatten sich dabei gegen die derzeit favorisierte Trasse der Hafenquerspange ausgesprochen. Stattdessen wurden stadtverträgliche Lösungen angemahnt, oder sogar der Verzicht auf die Autobahn gefordert.
Es ist wieder an der Zeit, auch diesem Hamburger Senat nachdrücklich auf die Sprünge zu helfen. Der zentrale Vorschlag auf der Einwohnerversammlung scheint mir dazu ein geeigneter Hebel zu sein: eine „Internationale Planungskonferenz“ zum Thema „Güterumschlag, Transport und Verkehr im Herzen der Hafenstadt“ im Jahre 2007, mit der Maßgabe, zukunftsfähige und stadtverträgliche Alternativen zur „Hafenquerspange“ zu erarbeiten. Es wird sich zeigen, ob der jetzige Senat die Kraft hat, seine verheerende Fehlentscheidung zu revidieren und vernünftige Lösungen zu akzeptieren und zu seinem Bekenntnis steht, die Elbinsel als liebenswerten Ort zum Leben und Wohnen dauerhaft zu sichern.
Fotos und Berichte von der Einwohnerversammlung:
www.hafen-quer-spange.de
Manuel Humburg

