„Wir brauchen Stimmung für gute Bildung!“
Im Mai 2006 wurde die Koordinierungsstelle Bildungsoffensive Elbinseln ins Leben gerufen. Um zu erfahren, was sich hinter dieser neuen Institution verbirgt, traf Sigrun Clausen vom Wilhelmsburger InselRundblick den Leiter der Bildungsoffensive, Jürgen Dege.
Bildung in Wilhelmsburg: Bis zu 25% eines SchülerInnenjahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss. Rund ein Drittel aller SchulabgängerInnen findet im unmittelbaren Anschluss an die Schulzeit keinen Ausbildungsplatz. Die Quote derer, die Abitur machen, ist auf der Elbinsel deutlich niedriger als überall sonst in Hamburg. Eltern verlassen den Stadtteil, weil sie glauben, ihr Kind lerne in der Schule den adäquaten Umgang mit seiner deutschen Muttersprache nicht mehr. PädagogInnen schlagen Alarm, weil eine wachsende Anzahl Kinder seelisch, geistig und sozial so vernachlässigt ist, dass es unmöglich wird, sie zu unterrichten.
Aus diesen und weiteren Beobachtungen leitete die Entwicklungspartnerschaft Elbinsel vor gut einem Jahr die Forderung ab: „Die IBA braucht eine IBA“ - die Internationale Bauausstellung braucht eine Internationale Bildungsausstellung. Die EP schrieb dazu: „ Notwendig ist die Entwicklung einer bildungspolitischen Strategie, die in der Wirkungstiefe und in der politischen Priorität dem städtebaulichen, ökonomischen und sozialen Ansatz des „Sprungs über die Elbe“ entspricht.“
Der Senat hat auf diesen Anstoß reagiert. Seine Expertenkommission für den „Sprung über die Elbe“ richtete eine Arbeitsgruppe Bildung ein. Diese kam zu dem Schluss, dass der Erfolg des „Sprungs über die Elbe“ in der Tat zum großen Teil abhängig von einer nachhaltigen Verbesserung der Bildungssituation auf den Elbinseln sei. Es komme deshalb darauf an, gemeinsam mit allen Beteiligten ein Gesamtkonzept Bildung für die Elbinseln zu formulieren und umzusetzen. Die AG Bildung schlug dafür eine behördenübergreifende Arbeitsgruppe aus Bildungs-, Sozial-, Kultur- und Stadtentwicklungsbehörde vor.
In dieser Arbeitsgruppe entwerfen nun die AmtsleiterInnen der beteiligten Behörden ein neues Bildungskonzept für die Elbinseln. Parallel dazu wurde die Koordinierungsstelle Bildungsoffensive Elbinseln eingerichtete - sie soll gewährleisten, dass die Ideen, Forderungen, Vorschläge und Erfahrungen der Beteiligten in den Bildungseinrichtungen vor Ort auch tatsächlich bis in die Behörden vordringen. Gottfried Eich, damaliger Geschäftsführer der EP Elbinsel, zu dieser Gesamtentwicklung: „Wir begrüßen es sehr, dass soviel in Bewegung gekommen ist. Wir hoffen, dass jetzt tatsächlich ein Prozess mit allen Beteiligten in Gang kommt, der die Bildungssituation auf den Elbinseln nachhaltig verbessert. Natürlich wird das Konflikte und Probleme geben - aber: Ohne eine IBA wird die IBA kein Erfolg!“
Die Koordinationsstelle Bildungsoffensive Elbinseln ist in erster Linie eine Vermittlungsstelle. Ihr Leiter ist seit dem 2. Mai Jürgen Dege. Der langjährige Leiter der Volkshochschule Harburg sieht vor allem seine Erfahrungen in stadtentwicklungsbezogener Bildungsplanung und in der Erwachsenenbildung als Vorteil für sein neues Betätigungsfeld. Er hat bereits mit vielen Einrichtungen in Wilhelmsburg zusammengearbeitet und war an der Zukunftskonferenz beteiligt: „Ich kenne Wilhelmsburg, habe die Bürgerbeteiligungsprozesse zum Teil mitgetragen. Ich wünsche mir, dass auch die Bildungsoffensive als Teil dieses immer wieder von den Bürgern selbst angestoßenen Prozesses gesehen wird. Für mich ist sie das.“
Die Bildungsoffensive Elbinseln ist in erster Linie eine Ideenschmiede - Geld hat sie nämlich nicht. Außer Mitteln für bauliche Maßnahmen aus dem Sonderinvestitionsprogramm steht ihr kein Etat zur Verfügung. Das macht verdächtig: Ist das nicht Politik nach dem Motto: ‚Nun verbessert mal schön die Bildung in eurem Stadtteil - aber bitte kostenlos‘? Jürgen Dege sieht das nicht so. Er meint: „Es gibt zur Zeit in der Tat nur die Absichtserklärung für eine Bildungsoffensive. Doch die Chance, dass für die einzelnen Projekte Mittel rüberkommen, ist so groß wie nie - weil im Rahmen der ‚großen‘ Politik mit dem Sprung über die Elbe ein Schritt gemacht wurde, der gewollt ist und sich nicht zurücknehmen lässt. Im Senat hat man verstanden, dass Bildung ein wichtiger Standortfaktor ist, ohne den es nicht geht.“
Gefragt sind nun die Handelnden vor Ort. Die Koordinierungsstelle hat die Aufgabe, mit ihnen gemeinsam ein Bildungskonzept zu erarbeiten und umzusetzen. Noch gibt es das Konzept nicht. Wer zu diesem Zeitpunkt die Vorstellung konkreter Projekte erwartet, wird enttäuscht. Die Grundlagen allen zukünftigen Handelns stehen jedoch fest:
• Ausbau der Sprachförderung,
• Schaffung quartiersorientierter Bildungseinrichtungen,
• Verbesserung der Maßnahmen im Übergang von Schule zu Beruf,
• Ermöglichen eines lebenslangen Lernens für alle.
Bereits jetzt haben sich verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die die Umsetzung der einzelnen Punkte diskutieren. Beteiligt sind nicht nur die Schulen und Kitas, sondern alle sozialen, kulturellen und bildungsbezogenen Einrichtungen auf den Elbinseln. Besonders entzündet sich der Funke zur Zeit am Begriff der „Quartiersschule“. Jürgen Dege: „‘Quartiersschule‘ bedeutet die Vernetzung aller Einrichtungen im Stadtteil - die Schule ist im Idealfall 24 Stunden am Tag geöffnet, und dort gibt es nicht nur Unterricht, sondern alles: Künstlerische Betätigung, Freizeitgestaltung, Elternräume, Möglichkeiten für Veranstaltungen - aber auch Beratung und Betreuung durch die verschiedenen sozialen Anlaufstellen.“ Eine wirkliche „Quartiersschule“ soll für alle Menschen offen, leicht auffindbar und leicht erreichbar sein. Sie soll Impulse geben und Entfaltungsmöglichkeiten bieten, ebenso jedoch Hilfe und Betreuung.
Eigentlich ist dann die Schule keine Schule mehr - sie ist eher ein Bildungs- und Sozialzentrum für den Stadtteil. Unter anderem deshalb haben sich die Buddeschule und das Gymnasium Kirchdorf-Wilhelmsburg für ihr Quartiersschulprojekt auch einen anderen Namen ausgesucht: „Tor zur Welt-Bildungszentrum“ wird es wohl heißen. Die Buddeschule bekommt zusätzlich auch neue Gebäude. Beide Schulen planen erst einmal eine fruchtbare Zusammenarbeit - zum Beispiel auf dem Gebiet der Naturwissenschaften: Ein „Science-Center“ soll es geben; Naturwissenschaften zum Anfassen, Ausprobieren, Erfahren, für Grundschüler und Gymnasiasten, in den Räumen der Buddeschule.
Grundsätzlich geht es darum, Schule neu zu denken: „Alles ist möglich“, gerät Jürgen Dege ins Schwärmen, „die Schulen müssen sich in den Stadtteil öffnen und neue Unterrichtsformen und -aufgaben zulassen. Sogar eine richtige Versuchsschule ist denkbar - wenn denn eine Schule das möchte! Ich stelle mir Künstler und Künste an der Schule vor - Theater, Bildhauerei, Musik. Berufsorientierung und -vorbereitung allein sind keine ausreichende Vorbereitung mehr auf das Leben.“
Wichtig ist Dege auch ein erweiterter Bildungsbegriff: „Es geht bei der Bildungsoffensive nicht nur um die Schulen und Kitas. Es geht auch um die Kulturstätten, die Ausbildungseinrichtungen und die Wirtschaft. Wir hoffen sehr, dass sich zum Beispiel das Museum der Elbinsel und die Geschichtswerkstatt an dem Prozess beteiligen. Angesprochen haben wir aber auch den Verein Unternehmer ohne Grenzen und einzelne Betriebe.“ Auf einer abstrakteren Ebene gilt außerdem das Leitmotiv ‚Lebenslanges Lernen für alle‘.“ Besonderen Wert legt der neue Bildungskoordinator auf die Fortentwicklung dessen, was bereits da ist: „Es gibt so tolle, erfolgreiche Projekte in den Stadtteilen. Sie sollten wir viel mehr herausstellen. Und sie sollten uns Ansporn sein, auf diesem Weg weiter zu machen. Damit richtig Stimmung für gute Bildung aufkommt.“
Am 15. September wird sich die Bildungsoffensive Elbinseln mit einer großen Anstoßveranstaltung im Bürgerhaus Wilhelmsburg allen Beteiligten und Interessierten vorstellen. Geplant ist eine anregende, lebendige Veranstaltung, die vor allem Kontakte und Gespräche ermöglicht. Jürgen Dege: „Wir wünschen uns, dass die Leute nachhause gehen und sagen: heute habe ich mich mit jemandem unterhalten, mit dem ich noch nie gesprochen habe.“ Auch kulinarische und kulturelle Genüsse wird es geben.
Sigrun Clausen
Der Artikel erschien erstmals im Wilhelmsburger InselRundblick 06/2006

