Schöne Worte, große Ideen und viele offene Fragen

Ressorts: Soziales, Politik, Bildung — Wilhelmsburger InselRundblick am Dienstag, 11. Juli 2006 um 08:51 Uhr

Da ist sie nun, die Bildungsoffensive Elbinseln. Nach dem lauten Abschiedstusch der Entwicklungspartnerschaft Elbinsel vor einem Jahr, der die Angelegenheit ins Rollen brachte, kam die Offensive in den vergangenen Wochen erst einmal recht leise daher.

Dann war plötzlich Herr Dege da und mit ihm eine Koordinierungsstelle. Viele Wilhelmsburger fragten sich: ‚Wo kam der her, wo geht er hin? Und wozu denn das nun wieder?‘ Man murrte, weil alles so „nebulös“ klinge und dieser Herr Dege nicht einfach sagen konnte: „Das und das und das haben wir vor.“

Beim Recherchieren und Schreiben des nebenstehenden Artikels fand ich die Erklärung dafür: Das Vorhaben Bildungsoffensive ist prozesshaft, das heißt, es basiert nicht auf der Umsetzung bereits vorliegender, fertiger Pläne, sondern sein wesentlicher Bestandteil ist das Entwickeln der Pläne selbst. Und da das Vorhaben ausdrücklich so angelegt ist, dass alle, in welcher Form auch immer an Bildung Beteiligten, an der Ausarbeitung des neuen Bildungskonzepts für die Elbinseln mitstricken sollen, liegt es auf der Hand, dass dieser Prozess dauern wird, wahrscheinlich sogar richtig dauern wird. Hinzu kommt, dass Jürgen Dege seinen Koordinatoren-Job erst seit dem 2. Mai diesen Jahres sicher hat. Niemand kann unter diesen Umständen erwarten, dass er und seine MitstreiterInnen ein fertiges Konzept mit konkreten Handlungsanweisungen in der Tasche haben.

Nein, kritisch zu hinterfragen sind ganz andere Bestandteile und Begleitumstände dieser Offensive. An erster Stelle die Frage: Bildung ohne Etat? Wie soll das denn gehen? Wie sollen denn all diese schönen Ideen - flächendeckend Ganztagsschulen, Sprachunterricht schon im Kindergarten, Kunst in der Schule, Verringerung der Klassengrößen, Lernangebote für alle Menschen in allen Bereichen - bezahlt werden, wenn es so weit ist? Schule, die den ganzen Tag dauert, braucht viele, viele Stunden mit qualifizierten Pädagogen; Sprachunterricht für die Allerkleinsten kostet Geld; der Sänger, die Bildhauerin, der Schauspieler müssen auch leben; kleinere Klassengrößen bedeuten mehr Lehrkräfte; und Erwachsenenbildung braucht nicht nur Personal-, sondern auch Sachmittel, angefangen bei Räumlichkeiten, Materialien, Verkehrsmitteln.

Wird es so kommen, dass am Ende jede Schule, jede Schulleiterin, jeder Sozialpädagoge, jeder Vater, jede Mutter, jede Künstlerin ... für jedes einzelne Projekt Männchen und ‚Bitte, bitte‘ machen muss, bei wem auch immer? Oder Herr Dege Selbiges bei jeder beteiligten Behörde wird tun müssen, und wenn er Glück hat, gießt sich ab und zu das Füllhorn diverser Sonderinvestitionsprogramme, IBA- und IGS-Etats über das eine oder andere Projektlein aus? Da drängt sich der Verdacht auf, bei der Bildungsoffensive handele es sich im Grunde einmal mehr um Symbolpolitik, Baldrian für die Wilhelmsburger, den großen Bauchpinsel für das Gefühl des Wahrgenommenseins.

Noch fragwürdiger wird die ganze Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen zwölf Monaten massiv im Bildungs- und Sozialbereich gekürzt worden ist, und jetzt, ganz aktuell, die Mittel für Sprachförderung noch einmal verringert werden sowie der Gesamtschule Wilhelmsburg das Geld für die Ganztagsstunden um bis zu 60 % gestrichen werden soll.
Jürgen Dege nennt diese Tatsachen ein „Paradoxon, dem wir überall begegnen und mit dem wir umgehen müssen.“ Ich kann diese Einschätzung nicht teilen; ich finde, das ist kein Paradoxon, sondern im besten Fall ein Nicht-Mitdenken der Geldverwalter und -verteiler des Senats, im schlimmsten Fall ein Zeichen von Heuchelei, ein Zeichen, dass es sich bei dem schmucken neuen Denkgebäude in Wirklichkeit um bloße Fassade handelt.

Aber dennoch: Hinter der Fassade passiert was! Denn es gibt kluge und engagierte Menschen in den örtlichen Bildungseinrichtungen und, ja, sogar in den beteiligten Behörden, die etwas bewegen wollen und etwas bewegen werden. Sie sind kreativ, sie setzen sich ein, sie nehmen Mehrarbeit in Kauf, und sie sind offen für Neues. Mit einer solchen Kraft wird die Bildungsoffensive vielleicht ein Selbstgänger - und baut hinter der Fassade ein solides Haus, dass dann niemand mehr abreißen kann. Deshalb schlage ich vor: Geben wir der Bildungsoffensive trotz allem eine Chance! Ich jedenfalls wünsche ihr und Jürgen Dege Erfolg.

Sigrun Clausen

Der Artikel erschien erstmals im Wilhelmsburger InselRundblick 06/2006

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