Die Insel ruft

Eine der bislang weniger beachteten Sehenswürdigkeiten auf den Hamburger Elbinseln ist die Schiffsbegrüßungsanlage Wilhelmsburg am Aßmannkanal. Wer die Anlage live erleben will, muss zunächst die alte Ernst-August-Schleuse passieren. Ein Erlebnisbericht.
Die Wilhelmsburger Schiffsbegrüßungsanlage verfügt noch nicht über das umfangreiche musikalische Repertoire ihrer großen Schwester aus Schulau (mehr zur Musik unten), auch werden die Meldungen über die einzelnen Schiffsbewegungen hier nicht mittels einer Spezialsoftware über einen professionellen Meldedienst weitergegeben — man arbeitet hier noch mit Techniken aus der goldenen Zeit der Begrüßungsanlagen, also etwa der Telefonie. Jedoch ist, wie die Bebilderung beweist, die Anlage, die vom Verein für Heimatkunde in Wilhelmsburg betrieben wird, sehr pittoresk gelegen und zudem ist sie tragbar, so dass sie bei schlechtem Wetter von Operator Günther Blank in ein speziell errichtetes Gebäude transportiert werden kann — so wird die Anlage vollständig vor Witterung geschützt.

Die Schiffsbegrüßungsanlage Wilhelmsburg samt Operator Blank und Assistentin (alle Bilder können durch Klicken vergrößert werden)

Ein weiterer Assistent bedient das Horn der Anlage

Noch einmal die Hauptanlage, das technische Kernstück befindet sich auf dem Stuhl neben den Operatoren
Wie lässt es sich nun bewerkstelligen, die Anlage in regulärem Betrieb zu erleben? Der Autor hat den Selbstversuch gewagt und ist am 13. August des Jahres 2006 unseres Herrn auf große Fahrt mit einem so genannten Alsterschwan gegangen. Dieses Fahrzeug, einst alltägliches Fortbewegungsmittel in Hamburg, dient in heutiger Zeit nur noch Ausflüglern als Mittel zum Freizeitvergnügen. Wohl aus diesem Grund wird er auch fernab von Hafen und Elbinseln geparkt, an einem Ort namens Jungfernstieg; schließlich will man ja in die interessanten Gebiete (wie z.B. die Wilhelmsburger Kanallandschaft) hineinfahren — folgerichtig müssen die Boote außerhalb dieser Gebiete stationiert sein. Um auf die Elbe zu gelangen, müssen deshalb zunächst eine Vielzahl von Schleusen (namentlich Rathaus- und Schaartorschleuse) passiert werden. Hat man sodann das Fahrwasser des Stroms gekreuzt und ist wohlbehalten in den Reiherstieg und somit ins Hamburger Inselreich eingedrungen, darf man nicht dem Irrtum auferliegen, sich unmittelbar begrüßen lassen zu können. Wie ortskundige Biologen berichten, sind nämlich die zahlreichen Elbarme und so genannten Nebenelben im Gebiet der unteren Elbe in ihrer Komplexität durchaus mit dem Amazonasbecken vergleichbar — und so hat auch unser Alsterschwan im Geflecht der Wilhelmsburger Gewässer zunächst noch eine Hürde zu nehmen: die Ernst-August-Schleuse.

Blick von der Westseite auf die Schleuse

Der (tatsächlich) erste Wilhelmsburger Landgang unseres Kapitäns; oben am Schleusenhäuschen der Schleusenwärter (nur zu sehen, wenn man auf das Bild klickt), welcher mit dem Fahrrad von der Reiherstieg-Klappbrücke kommt, um für uns die Schleuse zu bedienen.

Blick aus der Schleuse nach Osten
Die Ernst-August-Schleuse wurde Mitte des neunzehnten Jahrhunderts — wie viele Hamburger Bauwerke — traditionell auf senkrecht in den Sumpfboden getriebenen Eichenpfählen gegründet. In ihrer jetzigen, verbreiterten Form existiert sie seit 1925 und ist bis zum heutigen Tage voll betriebsfähig. Da jedoch im Laufe der Zeit die Deichhöhen immer weiter zunehmen, muss nun die alte Ernst-August-Schleuse einer neuen Ernst-August-Schleuse weichen. Wer sich also noch einmal durch die alte Schleuse durschschleusen lassen möchte, sollte versuchen, für die Saison 2007 einen Platz für die Fahrt "vom Jungfernstieg zur Doven Elbe" zu ergattern, dies ist vorraussichtlich die letzte Gelegenheit — vielleicht geht es schon ab 2008 durch die neue Schleuse.

Biergarten am Anleger Ernst-August-Kanal
Nach dem Verlassen der Schleuse befinden wir uns im tideunabhängigen Teil des Ernst-August-Kanals, von hier aus ist es noch ein Kilometer bis zum Aßmannkanal, in den wir schließlich einbiegen. Wir passieren das backbordseits idyllisch gelegene Gelände des Ruderclubs Wilhelmsburg und werden nun endlich von Herrn Blank und seinen Mitarbeitern mit "Steuermann halt die Wacht" amtlich begrüßt. Danach hören wir "Stadt Hamburg an der Elbe Auen". Bei Verlassen des Kanals werden wir verabschiedet mit "Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, bleib' nicht so lange fort".
Derart begrüßt und verabschiedet unterqueren wir den Vogelhüttendeich und sind zurück auf dem Ernst-August-Kanal. Nun machen wir halt am Biergarten "Zum Anleger", den man auch als Oase von Wilhelmsburg bezeichnen könnte. Dieser Stopp ist uns nur deshalb gegönnt, weil im letzten Frühjahr (2005) hier der Anleger "Ernst-August-Kanal" gebaut wurde. Diese Maßnahme wurde vor allem getroffen, da auch andere Alsterschwäne von Zeit zu Zeit von ihrem tristen Dasein am Jungferstieg befreit werden wollen, und auch die Schiffsführer streiten sich mittlerweile um das Privileg, unser Eiland zu befahren, wie seriöse Quellen berichten.

Der Alsterschwan liegt am Anleger in Wilhelmsburg

Auf der Wilhelmsburger Doven Elbe
Nach einer Stärkung fahren wir weiter auf dem Ernst-August-Kanal und gelangen zu unserem letzten Ziel, der Wilhelmsburger "Doven Elbe". Diese ist nicht etwa dumm, wie mancher nun meinen möchte, sondern lediglich "taub", also von der Norderelbe abgeschnitten. Dies erläutert uns unsere fachkundige Führerin Ursula Falke vom Heimatverein, und auch zahlreiche andere Informationen rund um Wilhelmsburg erfahren wir aus Ihrem Munde: So etwa, dass der "Wilhelmsburger Deichbruch", ein in der Umgebung beliebtes Getränk, aus der Doven Elbe geschöpft werde und so sein würziges Bouquet erhalte.

Frau Falke informiert über die örtliche Spirituosenherstellung...
Jedoch werden auch ernstere Themen behandelt, wie etwa der fehlende Lärmschutz an allen Wilhelmsburg durchschneidenden Verkehrsadern, (bspw. an der A1 oder an der Reichsstraße). Ebenfalls schmerzlich vermisst wird ein Bootsanleger im Südosten der Doven Elbe, nahe der Wilhelmsburger Windmühle. Käme dieser, müsste langfristig wohl auch für die Schiffsbegrüßungsanlage Wilhelmsburg weiteres Personal angeheuert werden. Interessant ist auch der Vorschlag Ursula Falkes, bis zur Internationalen Gartenschau in Wilhelmsburg (IGS 2013) den Aßmannkanal ein wenig zu verlängern, so dass man die Rotenhäuser Straße per Schiff unterqueren und so näher an die Gartenausstellung heranfahren kann.
In der Nähe der Wilhelmsburger Windmühle "Johanna" muss der Kapitän nun inmitten der Seerosenfelder unseren Schwan wenden, wir können hier nicht weiterfahren, könnten wir doch, hieße die Dove Elbe nicht "Dove Elbe", wie wir gelernt haben. In diesem Teil Wilhelmsburgs haben wir nun alle Wasserwege bis auf den Jaffe-Davids-Kanal befahren. Da der Rückweg dem Hinweg weitestgehend ähnelt (bis auf die Station am Anleger, leider) und es auch von keinen schwerwiegenden Zwischenfällen wie etwa Eisbergen oder Meutereien zu berichten gilt, schließen die folgenden drei Fotografien den Bericht ab.

Wir fahren zurück von der Doven Elbe in den Ernst-August-Kanal...

...erneut in die Ernst-August-Schleuse, diesmal von Osten...

...und in Richtung Kehrwieder: Blick zurück über den Reiherstieg
Weblinks
zur Fahrt vom Jungfernstieg zur Doven Elbe:
Elbinsel.net Artikel "Vom Jungfernstieg zur Doven Elbe" (März 06)
Verein für Heimatkunde / Museum der Elbinsel
zur Ernst-August-Schleuse:
PDF-Dokument zur Schleusenplanung (2005)
zum Anleger Ernst-August-Kanal:



