“Letzte Reisen” auf der Schute

Ressorts: Kultur — Ingrun Wenge am Sonntag, 30. September 2007 um 12:20 Uhr

"Das Leben der Großstadt wirkt so, als ob niemand stirbt."

Dieses Zitat des französischen Historikers Philippe Ariès stellt die Künstlerin Jelka Plate ihrer Ausstellung "Letzte Reisen" voran, die ab Anfang Oktober auf der Schute der Galerie für Landschaftskunst zu sehen beziehungsweise zu hören ist.

Die Galerie für Landschaftskunst schreibt hierzu:

"Letzte Reisen" geht, in Form von Interviews, der Frage nach, welche Rituale Religionen und Kulturen im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer entwickelt haben, wie sich diese in einer modernen Gesellschaft verändern und wie sie sich einem fremden Umfeld notgedrungen anpassen. In Berlin führte Jelka Plate Gespräche mit Personen, die entweder beruflich mit dem Themenkomplex Sterben, Tod und Trauer zu tun haben oder sich zu einer Religion bekennen.

In der Audiothek gibt es ein Interview mit einer evangelischen Pfarrerin über Sterbebegleitung im Krankenhaus, mit einem Moslem, der Öffentlichkeitsarbeit für die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm macht, mit einer Koreanerin, die ein interkulturelles Hospiz gegründet hat, mit einem Inder, der im Vorstand des Vereins zur Errichtung eines Hindu-Tempels in Berlin ist, mit einer Trauerrednerin, die Formen der weltlichen Trauerkultur beschreibt, mit einer Bestatterin, die auf serbisch-orthodoxe und Kinderbeisetzungen spezialisiert ist, mit dem Hallenaufseher eines Krematoriums und dem Pfarrer der Herrenhuther Brüdergemeinde, die auf böhmische Glaubensflüchtlinge im 18. Jahrhundert zurückgeht.

Das menschliche Wissen um den eigenen Tod kann man als das religions- und kulturstiftende Moment überhaupt bezeichnen. In der österlichen Verkündigung des Auferstehungsgedankens entsteht, in der Hoffnung auf Überwindung des Todes, christlicher Glaube. Untergegangene Kulturen wie z.B. die der Ägypter rekonstruieren wir vor allem anhand der Überreste von Stätten des Totenkults, wie die der Pyramiden. So lässt sich anhand der Beschreibung von Ritualen des Abschiednehmens auch immer etwas über die jeweilige Einstellung zum Leben ablesen.

Durch den Tod eines Menschen erhält das soziale Gefüge, in dem dieser Mensch gelebt hat, einen jähen Riss, ein schwarzes Loch entsteht. Die haltlose Situation der Trauer wird von der Gemeinschaft in den verbindenden und verbindlichen Ritualen aufgefangen und bietet Halt und Schutz. Im Zuge der Aufklärung und Säkularisierung der westlichen Gesellschaften sind religiöse Rituale stark in Frage gestellt worden und nur selten sind neue Formen an ihre Stelle getreten. Zudem hat die Industrialisierung eine Gemeinschaft geschaffen, die scheinbar keine Zeit mehr für die Auseinandersetzung mit dem Tod hat.

Ein weiterer Aspekt im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer in einem Einwanderungsland wie Deutschland ist die Situation von Migrant/innen. Die Religionshistorikerin Gerdien Jonker beschreibt die Entscheidung für das Begräbnis in fremder Erde als "einen entscheidenden, vielleicht den entscheidenden Schritt im langen Prozess, sich an das neue Land zu gewöhnen. Wer sich entscheidet, den eigenen Körper darin zu betten, bindet die nachfolgenden Generationen an dieses Stück Erde. Wer die Wahl trifft, seine Toten im fremden Land bei sich zu behalten, erschafft sich endgültig eine neue Heimat und lockert die Bindung an die alte."

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Jelka Plate: Letzte Reisen - Audiothek für Rituale des Abschiednehmens

Ausstellung im Silberraum auf der Schute der Galerie für Landschaftskunst
Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, 5.-7. und 12.-14. Oktober 2007
jeweils 12.00 - 18.00 Uhr
Die Schute liegt auf dem Veringkanal in Hamburg-Wilhelmsburg
Zugang über den Hof der Honigfabrik, Industriestraße 125,
21107 Hamburg

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