Von der Fabrik zum Kulturzentrum

Ressorts: Soziales, Kultur, Quartiere — Wilhelmsburger InselRundblick am Donnerstag, 29. November 2007 um 12:17 Uhr

Eine Rückschau in drei Teilen aus Anlass der Neueröffnung der Honigfabrik 2008. Erster Teil

Na, wer erkennt's? Das hat doch Ähnlichkeit mit...das ist doch...
Ja genau, das ist die Honigfabrik. Beziehungsweise war sie das, anno 1906 auf der Bauzeichnung des Architekten, der dieses Gebäude im Auftrag der Firma Mohr aus Altona als Margarinefabrik entwarf.

Ursprünglich gab es nur ein Haupthaus und die südlich angrenzende Werkstatt mit dem dahinter stehenden Schornstein. Der zweite Flügel wurde 1912 angebaut, im selben Jahr kamen auch die großen Werkhallen am Kanal dazu. In dieser Gestalt war es eines der ersten Industriegebäude am Veringkanal, der 1894 vom gleichnamigen Bauunternehmen wie mit dem Lineal in den Marschboden hineingegraben worden war. Heute wird die Honigfabrik als denkmalwürdig eingestuft, weil sie das letzte fast komplett erhaltene Fabrikensemble am Veringkanal ist. Fast noch wichtiger ist: Seit 1979 gibt es hier Kultur in vielen Sorten. Doch dazu später.

Mit dem Bau des Veringkanals war klar, dass sich Wilhelmsburgs Westen zum Industriegebiet verwandeln sollte. Und bald rauchten an der Kanalstraße – so hieß die Industriestraße damals – überall die Schlote: Gegenüber lagen die Oleinwerke, eine Ölfabrik, und auf dem Gelände des heutigen Sanitasparks die Sanitas AG, die Wasch- und Toilettenbecken für Luxusliner herstellte. Daneben siedelten sich 1913 die Asbest & Gummiwerke Merkel an, weiter südlich die Wilhelmsburger Zinnwerke mit Kupfer- und Zinnproduktion.

Doch in der "Speisefettindustrie Elbe" wurde – verglichen mit anderen Industrieunternehmen – ein vergleichsweise harmloses Produkt hergestellt. Unten im Erdgeschoss, dort wo bald wieder die Gitarren geschwungen werden, wurden die Fette gerührt und abgefüllt, darüber im 1. Stock - jetzt das Domizil für die Kinder – schöpfte man im Labor neue Margarinesorten, und ganz oben – bald wieder Ausstellungsraum der Geschichtswerkstatt – saßen Geschäftsführer, Buchhaltung und die Sekretärinnen.

Schon in den 1920er Jahren gab es Konzentrationsprozesse und Fusionen in der Lebensmittelindustrie: die Holländer kamen, in Gestalt des Unilever-Konzerns. Auch die Margarinefabrik Mohr in Altona und die Firma Hartwig Franzen in Wilhelmsburg wurden geschluckt. Vor Beginn des 2. Weltkriegs übernahm ein Unternehmer namens Fritz Wetz den Betrieb und stellte die Produktion um auf Fertigung von medizinischen Ölen und Fetten.

Erst nach Kriegsende zog die Honigfirma Gieseke ein, die der Fabrik ihren klangvollen Namen gab. Eine erste Suche der Geschichtswerkstatt nach ehemaligen Beschäftigten brachte uns 1989 einen Brief ins Haus, der in einer australischen Kleinstadt aufgegeben worden war. Auf dem Briefkopf prangte "Glenn Elms – Deutsches Wursthaus", die Briefschreiberin hatte in den 50er Jahren im Labor der Honigfabrik gearbeitet und erinnerte sich, dass alle Bienen Wilhelmsburgs ständig um das Gebäude in der Industriestraße summten!

Die Firma Gieseke zog zwar schon 1977 nach Bremen um, in direkte Nähe ihrer Honigimporteure. Doch noch heute erreichen uns manchmal Faxe oder Briefe, die uns Honig aus Übersee offerieren. Fast fällt es schwer, diese Angebote abzulehnen. Aber schließlich haben wir heute andere Sachen zu bieten: neben Ausstellungen, Konzerten, Werkstätten, Kinder- und Seniorentreffen auch im Café Pause den wundervollen Kuchen – natürlich selbst gebacken. Und Kultur ist doch auch ein Lebensmittel, oder?

Maggi Markert

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Dieser Text erschien zuerst im Wilhelmsburger InselRundblick 11/2007

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