Ein Kind der Siebziger

Eine Rückschau in drei Teilen aus Anlass der Neueröffnung der Honigfabrik. Zweiter Teil
"Wir sind volljährig!" - Unter diesem Motto feierte die Honigfabrik im Sommer 1996. Rechnet man 18 Jahre zurück, landet man im Jahre 1978. In diesem legendären Gründungsjahr beschloss ein Haufen junger Leute, einen Ausweg aus dem kulturellen Niemandsland Wilhelmsburgs zu suchen.
Der Haufen bestand aus verschiedenen Jugend- und Sportgruppen und hatte sich – mangels geeigneterer Räume – schon seit längerem in einer Kellerwohnung am Vogelhüttendeich getroffen, um Pläne zu schmieden.
Die Zeichen der Zeit standen damals auf Aufbruch, die Jugendzentrumsbewegung war auf dem Höhepunkt. Doch die Wilhelmsburger Jugendlichen dachten nicht daran, einfach ein Haus zu besetzen. Sie gründeten erst mal einen Verein, in dem sogar Lehrer und Pastoren toleriert wurden, und suchten ein geeignetes Objekt. Nicht etwa nur für ein Jugendzentrum. Nein, es sollte schon eine Nummer größer sein, ein Kulturzentrum für alle Generationen. Da in Wilhelmsburg mittlerweile viele Industriegebäude leer standen, gab es sogar Auswahl. Am Veringkanal die alte Honigfabrik, die fast leer stand, die sollte es sein!
Zufälligerweise ergab es sich zu dieser Zeit, dass die Kulturpolitik der Stadt Hamburg einen Schwenk machte und der Slogan "Kultur für alle!" erfunden wurde. Das war ein völlig neues (sozialdemokratisches) Konzept: abseits von Opernhaus und Staatstheatern Kultur in die Stadtteile zu bringen, so dass jede(r) teilhaben und vor allem selbst aktiv werden konnte. Die Fabrik in Altona hatte kurz vorher ihre Pforten geöffnet, und so war die Richtung klar: neue Kultur in alten Gebäuden. Tatsächlich gelang es dem frisch gegründeten Verein "Kommunkationszentrum Wilhelmsburg e.V., HONIGFABRIK" – meine Güte, was für ein komplizierter Name... – in den Genuss der neu aufgelegten staatlichen Fördermittel zu kommen.
Im September 1979 war es dann so weit: In selbstrenovierten Räumen im ersten Stock und in der ehemaligen Hausmeisterwohnung eröffnete die HONIGFABRIK – vorläufig. Mit Livekonzerten, einer Teestube und den sogenannten Arbeitsgruppen, z. B. der Töpferei, dem Musik-Übungsraum und – natürlich – einer Frauengruppe. Bands mit klingenden Namen wie "Phlox" und "Klärgrube West" legten den Grundstein für eine neue Wilhelmsburger Musikszene, die Frauen den Grundstein für das erste Hamburger Frauenhaus.
Doch dann erst begann ein mühsames Ringen um den versprochenen Umbau, dem ein Bürgerschaftsbeschluss vorausgehen musste und der sich noch bis 1982 hinzog. Selbstverwaltung wurde groß geschrieben, wie eine Einladung zur Mitgliederversammlung 1979 zeigt:
Es ist ca. ein Jahr her, seit wir in unserer Fabrik arbeiten können. Zumindest einen Teil der Honigfabrik konnten wir vom Grau befreien, einrichten und für alle nutzbar machen. Unsere eigene Kraft, Ungeduld, Arbeitseinsätze, ein Miteinander-Zentrum für Freizeit, Kultur, Beratung und Weiterbildung für den Malocherstadtteil Wilhelmsburg, sind dabei nach wie vor unser bestes Kapital gewesen. Der Arbeitseinsatz in der Nacht vor Programmbeginn (zur Erfüllung der behördlichen Auflagen) hat gezeigt, dass ein aktives, solidarisches Rangehen an Probleme uns weiterbringt. Aber ebenso müssen wir noch viele harte Probleme lösen, heute, 1980 und darüber hinaus. Also kommt nicht nur zur Mitgliederversammlung am 8.10.79 um 19 Uhr in die Honigfabrik, sondern immerzu, unentwegt zum Mitarbeiten, Mitentscheiden und Mitreden, bis wir die Honigfabrik insgesamt für alle erkämpft haben!
Im Frühjahr 1983 konnte dann die ganze Fabrik in Besitz genommen werden, samt Werkstätten und den Hallen am Kanal. In einem NDR-Fernsehbeitrag zu einem der vielen Jubiläen, die die Honigfabrik schon hinter sich hat, bezeichnete die Redakteurin die GründerInnen der Honigfabrik als "bekennende Anarchisten". Das ist sicher zu viel Ehre, denn natürlich überwiegt heute die praktische Arbeit, und nicht die umstürzlerischen Debatten von damals.
"Wir sind volljährig!", ein merkwürdiger Satz, wenn man bedenkt, dass auch die Honigfabrik ein spätes Kinder der 68er-Rebellion ist. Leise Selbstironie schwingt mit, aber auch die Gewissheit, schon längst in der Gesellschaft angekommen zu sein. Aus der Perspektive der heute alten Generation kam 1996 zum 18. Geburtstag der Zuruf: "Nach Überwindung sämtlicher Kinderkrankheiten wuchs die Honigfabrik zur ansehnlichen Erwachsenen heran. Möge sie nie ins zahnlose Greisenalter kommen!"
Maggi Markert
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Dieser Text erschien zuerst im Wilhelmsburger InselRundblick 02/2008
Foto: Das Kulturzentrum Honigfabrik während des Umbaus 1982

